Nabelschnurblut auspulsieren lassen – Pro und Contra einer Glaubensfrage

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Das Nabelschnurblut (Plazentarestblut) wertvolle Nährstoffe beinhaltet und eine Einlagerung für dein Kind bzw. eine Spende für die Öffentlichkeit sinnvoll ist haben wir für dich hier beschrieben. In vielen Diskussionsforen und Blogs wird zurzeit intensiv über das „Auspulsieren“ der Nabelschnur debattiert und über den optimalen Abnabelungszeitpunkt gestritten. Viele besorgte Mütter warnen dahingehend, oder werden von auf Internetseiten von Hebammen über die Folgen einer zu raschen Abtrennung der Nabelschnur informiert. Nicht selten werden komplizierte medizinische Fachbegriffe in die Diskussion eingebracht und an anderen Stellen wird auf die Wichtigkeit energetischer Mutter-Kind-Schwingungen hingewiesen. Wie wichtig dieses „Auspulsieren“ tatsächlich ist und ob es deine Entscheidung für eine Stammzelleneinlagerung- oder spende beeinflussen soll, möchten wir hier veranschaulichen.

 

Was bedeutet das „Auspulsieren lassen“ der Nabelschnur?

Während der Schwangerschaft versorgt die Nabelschnur dein Kleines mit Nahrung und Sauerstoff. Sie ist seine lebensnotwendige Verbindung zu dir. Bei der Geburt gibt es, vor der endgültigen Abnabelung, einen kurzen Zeitraum von einigen Sekunden bis zu 30 Minuten (wie in manchen Foren berichtet wird) indem über die Plazenta noch eine extra Portion an Sauerstoff, Mineralien und Nährstoffen an dein Baby geleitet wird. Dieser Zeitraum wird „Auspulsieren“ genannt und kommt deswegen zustande, weil der Mutterkuchen noch rund ein Drittel des Blutes beinhaltet und das Blut weiterhin durch den Nabel deines Babys drängt. Während des „Auspulsierens“ beginnt dein Baby schon mit der Atmung von Sauerstoff aus der Raumluft, während weiterhin ein Teil der Sauerstoffversorgung durch das Nabelschnurblut abgewickelt wird. So erhält dein Neuankömmling während des „Auspulsieren“ neben einer extra Menge Blut für den noch jungen Organismus auch eine zweifache Sauerstoffzufuhr.

 

Kurze und lange Abnabelungszeiten bei der Geburt und ihre Auswirkungen

Ob es zu einem „Auspulsieren“ kommt hängt von der Abnabelungstechnik ab, die bei gewöhnlichen Geburten zumeist innerhalb einer halben Minute durchgeführt wird. Rein medizinisch gesehen wird schon nach 30 – 120 Sekunden von einer späten Abnabelung gesprochen. Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologen und Geburtshelfer empfiehlt tendenziell eine „spätere Abnabelung“, daher 30 – 90 Sekunden. Auch die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt etwas spätere Abnabelungszeiten, so dass zumindest ein Teil des Blutes noch weitergeleitet werden kann. Es zeigt sich somit in der gegenwärtigen Lehrmeinung ein langsamer Trend zu etwas längeren Abnabelungszeiten (bspw. 30-120 Sekunden). Eine Abtrennung binnen raschester Zeit (wenige Sekunden), wie sie in der Vergangenheit in den Krankenhäusern regelmäßig praktiziert wurde, sollte zumindest auf 30 Sekunden angehoben werden. Die 30-Sekunden-Regel ist insofern begründet, da in diesem Zeitraum der größte Blutfluss von der Plazenta an dein Baby weitergereicht wird. In diesem Zeitraum erhöht sich der Eisengehalt und die Blutmenge ausreichend – ein Auspulsieren von bis zu 30 Minuten bis zum letzten Blutstropfen ist grundsätzlich nicht notwendig.

 

Was sagt die Wissenschaft?

In den Diskussionsforen wird das „Auspulsieren“ immer stärker zur Glaubensfrage hochstilisiert und die Grenzen zwischen wissenschaftlicher Datenlage und esoterischer Zuschreibungen verschwimmen immer offensichtlicher. Über die positiven Effekte des „Auspulsieren lassens“ wird in diesem Zusammenhang bevorzugt eine australische Studie aus dem Jahr 2013 genannt . Diese bestätigt zwar positive Effekte auf den Eisengehalt und die insgesamte Blutmenge bei einer längeren Abnabelungszeit, in den anderen Parametern gibt es jedoch keine signifikanten Unterschiede zwischen kurzen und lange Abnabelungszeiten. Eine konkrete Empfehlung des „Auspulsieren“ bzw. ein Abwarten bis zum letzten Blutstropfen steht in dieser Studie an keiner Stelle, es wird nur generell eine sofortige Abnabelung (bspw. deutlich unter 30 Sekunden) nicht empfohlen.

 

Auspulsieren oder Nabelschnurbluteinlagerung– bzw. spende?

Warum diese Entweder-oder-Frage völlig übertrieben ist und es ein sowohl (…) als auch (..) gibt, möchten wir hier für dich zusammenfassen:

  1. Bei einer Nabelschnurbluteinlagerung- bzw. spende muss die Nabelschnur nicht prompt nach der Geburt abgetrennt werden. Für die technische Weiterverarbeitung reichen geringe Mengen und eine Abtrennung im Rahmen einer etwas längeren Abnabelungszeit ist möglich. Der Stammzellenanteil im Nabelschnurblut ist so hoch, das keinesfalls die ganze Menge des frischen Blutes benötigt wird. Dein Hinweis in der Geburtsstätte, dass du dir einen möglichst langen Abnabelungszeitraum, der im Rahmen deiner Nabelschnurbluteinlagerung bzw. -spende möglich ist, wünscht, reicht völlig aus.
  2. Die bisherige Studienlage zeigt zwar Vorteile für den Eisengehalt und die Menge des Blutes deines Kindes bei generell längeren Abnabelungszeiten, doch die in manchen Foren und Blogs kursierenden Empfehlungen eines „Auspulsierens“ bis zum letzten Blutstropfen sind völlig überzogen. Speziell vor dem Hintergrund, dass innerhalb der ersten 30 Sekunden nach der Geburt die größte Menge an Eisen und Blutmenge an dein Baby weitergegeben wird.
  3. Die wissenschaftliche Datenlage zu den Erfolgen der Stammzellenforschung ist bahnbrechend und es zeigen sich viele neue medizinische Fortschritte in diesem Bereich. Der Nutzen für schwerkranke Betroffene in der Regenerativen Medizin dank einer Nabelschnurblutspende kann enorm sein. Auch die zahlreichen medizinischen Fortschritte in den Laboratorien sind bemerkenswert und mithilfe einer privaten Einlagerung kann dein Kind davon profitieren.
  4. Die in manchen Foren und Blogs beschriebenen positiven Auswirkungen des „Auspulsierens“ auf die Entwicklung der Atmung (durch doppelte Sauerstoffzuführung) konnte in keiner Studie nachgewiesen werden. Es zeigt sich zwar eine höhere Sauerstoffkonzentration im Blut für einen kurzen Zeitraum nach der Geburt, jedoch kann von einer Verbesserung der generellen Lungenleistung oder Vorbeugung von Lungenkrankheiten nicht berichtet werden.
  5. Ein „Auspulsieren“ bis zum letzten Blutstropfen ist im Regelfall eine private Leistung, die von speziellen Hebammen angeboten wird. Vielleicht könnte das der Grund sein, warum über dieses Thema so heftig diskutiert und das Gefühl einer Panikmache vermittelt wird. Die Tendenz in den deutschen Geburtsstätten geht generell in Richtung etwas längerer Abnabelungszeiten, das schließt eine Nabelschnurbluteinlagerung- oder Spende aber keinesfalls aus, ein Mittelweg ist möglich.

 

Fazit

Längere Abnabelungszeiten sind sinnvoll, da in den ersten 30 Sekunden ein Großteil des Plazentablutes über die Nabelschnur weitergeleitet wird und dein Baby eine extra Portion Sauerstoff und Nährstoffe erhält. Ein sofortiges Abtrennen (nach wenigen Sekunden) kann tatsächlich einen geringeren Eisengehalt und eine verminderte Blutmenge im Organismus deines Babys bedeuten. Es steht außer Streit, dass bei einer Nabelschnurbluteinlagerung- bzw. spende das Nabelschnurblut nicht bis zum letzten Blutstropfen „auspulsiert“ werden kann. Medizinische Fortschritte und die hohe Stammzellendichte in dem Nabelschnurblut lassen aber etwas längere Abnabelungszeitpunkte durchaus zu. Für die technische Weiterverarbeitung reichen kleinere Mengen des frischen Blutes.

In der oft zitierten australischen Studie (McDonald 2008) über die Vorzüge längerer Abnabelungszeiten zeigte sich bei den meisten Parametern keine bedeutsamen Unterschiede, im Gegensatz dazu gibt es eine Fülle von realen Lebensgeschichten, die ihre schwere Krankheiten dank den Fortschritten der Stammzellenforschung heilen bzw. lindern konnten. Eine Entweder- oder Entscheidung ist in unseren Augen eine übertriebene Zuspitzung, beispielsweise sind eine etwas längere Abnabelungszeit (z. B. 30 Sekunden) und eine fachgemäße Einlagerung bzw. Spende eine praktikable sowohl (…) als auch (…) Lösung.

Entsprechende Infobroschüren der Anbieter von Nabelschnurbluteinlagerungen bzw. -spenden und erfahrene Gynäkologinnen und Gynäkologen können dir bei einer weiterhin bestehenden Unsicherheit über unsere Recherchen hinaus die Unsicherheit nehmen. Die teilweise deutlich überzogenen Zuschreibungen über die positiven Effekte des „Auspulsieren“ bis zum letzten Blutstropfen entlarven sich bei genauerem Hinsehen als „stille Post“ einer speziellen Forums- und Blog-Community. Einige der Zuschreibungen entbehren jeglicher wissenschaftlichen Grundlage, während die Stammzellenforschung einen Achtungserfolg nach dem andere aufweisen kann.

Im Zweifelsfall empfehlen wir eine Einlagerung oder Spende, damit dein Kind von dem wissenschaftlichen Fortschritt profitieren kann. Weitere 8 Gründe findest du hier.

 

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Links

 

Studien

Andersson, Ola; Hellström-Westas, Lena; Andersson, Dan; Clausen, Jesper; Domellöf, Magnus (2013): Effects of delayed compared with early umbilical cord clamping on maternal postpartum hemorrhage and cord blood gas sampling: a randomized trial. In: Acta obstetricia et gynecologica Scandinavica 92 (5), S. 567–574.

Argyridis, Savvas (2017): Delayed cord clamping. In: Obstetrics, Gynaecology & Reproductive Medicine 27 (11), S. 352–353.

Chen, Xu; Li, Xing; Chang, Ying; Li, Wen; Cui, Hongyan (2018): Effect and safety of timing of cord clamping on neonatal hematocrit values and clinical outcomes in term infants: A randomized controlled trial. In: Journal of perinatology : official journal of the California Perinatal Association 38 (3), S. 251–257.

Chiruvolu, Arpitha; Elliott, Elise; Rich, Diana; Stone, Genna Leal; Qin, Huanying; Inzer, Robert W. (2018): Effect of delay in cord clamping 45 versus 60 s on very preterm singleton infants. In: Early human development 119, S. 15–18.

Hutton, Eileen K.; Hassan, Eman S. (2007): Late vs early clamping of the umbilical cord in full-term neonates: systematic review and meta-analysis of controlled trials. In: JAMA 297 (11), S. 1241–1252.

Levy, Tali; Blickstein, Isaac (2006): Timing of cord clamping revisited. In: Journal of perinatal medicine 34 (4), S. 293–297.

McDonald, Susan J.; Middleton, Philippa (2008): Effect of timing of umbilical cord clamping of term infants on maternal and neonatal outcomes. In: The Cochrane database of systematic reviews (2), CD004074.

McDonald, Susan J.; Middleton, Philippa; Dowswell, Therese; Morris, Peter S. (2013): Effect of timing of umbilical cord clamping of term infants on maternal and neonatal outcomes. In: The Cochrane database of systematic reviews (7), CD004074.

Mercer, Judith S.; Erickson-Owens, Debra A. (2012): Rethinking placental transfusion and cord clamping issues. In: The Journal of perinatal & neonatal nursing 26 (3), 202-17; quiz 218-9. .

Violet, Georg (1880): Ueber die Gelbsucht der Neugeborenen und die Zeit der Abnabelung. In: Archiv f. pathol. Anat. 80 (2), S. 353–379.

 


Nabelschnurblut auspulsieren lassen – Pro und Contra einer Glaubensfrage

Nabelschnurblut auspulsieren lassen – Pro und Contra einer Glaubensfrage
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Nabelschnurblut auspulsieren lassen – Pro und Contra einer Glaubensfrage

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